Interview mit Dr. Frost

Im Gespräch zum "Tag des geistigen Eigentums"

Anlässlich des Tag des geistigen Eigentums 2017 haben wir Personen aus verschiedenen Bereichen zu diesem Thema befragt und erkundet, wo Lehrkräfte, Jugendliche, Entwickler und Entscheider mit dem geistigen Eigentum anderer Menschen konfrontiert werden bzw. wie sie dazu stehen. Hier kann man das Interview mit Dr. Franziska Frost lesen.
Originale setzen Zeichen: Bei welcher Gelegenheit haben Sie das erste Mal gedacht "Die Materialien genügen nicht, es braucht Open Educational Resources"?

Dr. Franziska Frost: Die Siemens Stiftung ist international aktiv und die von der UNESCO formulierte Forderung „Bildung für alle“ liegt uns besonders am Herzen. Der Zugang zu Bildung setzt voraus, dass auch der Zugang zu Bildungsmedien möglichst offen und finanzierbar ist. Insbesondere in ärmeren Regionen der Welt ist dies vielerorts nicht gegeben. Hier kommen Open Educational Resources (OER) ins Spiel. Sie ermöglichen aufgrund von Standardlizenzen eine freie Verwendung ohne oder nur mit geringen Einschränkungen.

OER können den eigenen Bedürfnissen angepasst, weitergegeben und wieder veröffentlicht werden. Oft werden sie kostenfrei angeboten – sei es, weil sie von staatlichen oder gemeinnützigen Institutionen stammen oder weil es Autoren gibt, die ihre Werke großzügig anderen zur Verfügung stellen.

Originale setzen Zeichen: Wo gibt es Ihrer Meinung nach noch den größten Bedarf an OER? Und wo liegt schon viel vor?

Dr. Franziska Frost: Die Zusammensetzung von Lerngruppen wird immer heterogener. Um jeden einzelnen Schüler individuell fördern zu können, braucht es Lehr- und Lernmaterialien, die passgenau auf den Lernenden zugeschnitten sind. Hier liegen die Potenziale von OER. Doch um sie voll ausschöpfen zu können, müssen Lehrkräfte dazu befähigt werden, diese richtig zu erstellen und einzusetzen. Mangelndes Wissen über Urheberrecht und Lizenzmodelle ist eine große Hürde für OER. Auch die „Kultur des Teilens“ ist noch nicht üblich.

Wir wünschen uns mehr Menschen, die bereit sind, ihre selbst erstellten Materialien als OER zur Verfügung zu stellen, und zwar so, dass die Nutzer sie rechtssicher weiterverwenden können. Mit unserem Engagement für OER möchten wir diese Entwicklung beschleunigen.

Originale setzen Zeichen: Wie kann der Bedarf Ihrer Meinung nach am besten gedeckt werden? Wo sollte man OER finden können? Wo sollte man als Autor selbst solche Materialien hinterlegen?

Dr. Franziska Frost: Am einfachsten ist es, wenn man neue Materialien sofort als OER erstellt. Der Aufwand, Medien nachträglich unter eine offene Lizenz zu stellen, ist sehr hoch und oft wegen der fehlenden Nutzungsrechte unmöglich.

Es sollte eine zentrale Meta-Suchmaschine geben, über die alle offen lizenzierten Materialien unterschiedlicher Anbieter zu finden sind. Eine starke Vernetzung der unterschiedlichen Portale ist sehr wichtig. Die Siemens Stiftung arbeitet daher eng mit den verschiedenen Medienzentren der Länder zusammen und stellt ihnen die Metadaten aller im Medienportal verfügbaren Medien zur Verfügung.

Unser Rat an Autoren ist, sich Portale auszusuchen, die auf die Qualität der Medien und auf eine sorgfältige Prüfung der Urheber- und Nutzungsrechte achten.

Originale setzen Zeichen: Ein Kritikpunkt an OER ist, dass die Rechte der Autoren nicht entsprechend geschätzt werden und ihnen möglicherweise wertvolle Einnahmen entgehen. Schließen sich OER und verlegerisches Handeln gegenseitig aus oder sind sie vereinbar?

Dr. Franziska Frost: Ein stark verbreiteter Irrtum ist, dass offen lizenzierte Bildungsmaterialien nicht dem Urheberrecht unterliegen. Das Gegenteil ist der Fall und daher sollte jeder, der OER erstellt oder nutzt, sich das Urheberrecht sehr genau anschauen.

Ein Autor, der ein Werk mit einer entsprechenden Wertschöpfungshöhe erstellt hat, hat daran erst einmal alle Rechte. Welche Nutzungsrechte er dann weitergibt und in welcher Form, ist seine Entscheidung. Er kann z. B. die Nutzungsrechte an eine Institution verkaufen. Diese könnte – je nachdem welche Nutzungsrechte der Autor ihr eingeräumt hat – das Werk auch als OER anbieten. OER und verlegerisches Handeln schließen sich aus unserer Sicht nicht aus.

Originale setzen Zeichen: Welchen Tipp können Sie Lehrkräften geben, die OER benutzen oder gar selbst erstellen möchten?

Dr. Franziska Frost: Sie sollten auf jeden Fall die wichtigsten Inhalte des Urheberrechts sowie die Bedingungen der verschiedenen Lizenzmodelle für OER kennen. Beim Einsatz fremder OER sollten sie auf die Seriosität der Quelle achten und die Lizenzangaben auf Plausibilität prüfen. Fotos von professionellen Fotografen sind in den seltensten Fällen OER.

Autoren sollten sich bereits bei der Erstellung von Lehrmaterialien die Frage stellen, welches Lizenzmodell das geeignete ist: Will ich keine, geringe oder große Einschränkungen für den Nutzer? Entsprechend wählt man CC0, CC BY oder CC BY-NC-SA. Zu betonen ist: Bei Beachtung nur weniger Regeln bieten OER große Potenziale für kreatives, effektives und rechtssicheres Arbeiten von Lehrkräften und Schülern.

Biografie

Dr. Franziska Frost arbeitet als Projektleiterin im Bildungsbereich der Siemens Stiftung und ist für das Medienportal verantwortlich. Zuvor war sie an der School of Education der Technischen Universität München tätig und promovierte dort zum Thema Eignungsfeststellung bei Lehramtsstudierenden. Daneben beschäftigte sie sich mit dem Transfer wissenschaftlicher Evidenz in die Bildungspraxis. Dr. Franziska Frost erwarb ihr Diplom in Pädagogik an der Universität Regensburg.

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Weiterführende Informationen

Online-Magazin Originale21
Das Magazin „Originale21“ ist ein gemeinsames Angebot von Helliwood media & education und der Microsoft Deutschland GmbH. Ziel ist es, die Thematiken „Schutz des geistigen Eigentums“ & "Datensicherheit" unter einer pädagogischen Dimension für Jugendliche und Lehrkräfte zugleich darzustellen und zu diskutieren.
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[www.microsoft.com | 20.04.2017 | 15:30]
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